Der liebe Augustin: Unterschied zwischen den Versionen

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Der liebe Augustin war ein Volkssänger, der um 1650 in Wien lebte. Er zog von Schenke zu Schenke und trug dort seine Späße und Lieder vor.  
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Vor rund dreihundert Jahren gab es in Wien einen Musikanten und Sänger, der Max Augustin hieß. Von seinen vielen Freunden wurde er der "liebe Augustin" genannt.
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Er wohnte in der Landstraße, war jedoch in ganz Wien bekannt. Mit seinem Dudelsack spielte er in vielen Gasthäusern, sang Lieder, die er selbst verfasste, wobei er das Leben und Treiben in Wien besang.
  
1679 war die Pest in Wien. Viele Leute starben daran und so gab es wenig Publikum für Augustin.  
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In der Zeit, in der viele Menschen weder lesen noch schreiben konnten, galt er als Nachrichtenübermittler.
  
Wieder einmal saß er in seinem Stammlokal „Zum roten Dachl“ und weil er so traurig war, trank er ein Gläschen nach dem anderen. Also verließ er das Lokal und wankte heimwärts. Manchmal überholte ihn auf seinem Heimweg ein Pestkarren, der die Toten zu den Pestgruben brachte, weil die Friedhöfe schon überfüllt waren.  
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Vorwiegend trat er im "Roten Hahn" auf der Landstraßer Hauptstraße auf, den es heute noch gibt. Oft sang er auch im "Gelben Adler" und im Gasthaus "Zum roten Dachl". An Stelle dieser Gasthäuser befindet sich heute das "Griechenbeisl" am Fleischmarkt.  
  
Plötzlich stolperte Augustin, fiel hin und schlief sofort ein. Als wieder ein Pestkarren vorbei kam, dachten die Knechte Augustin wäre tot und luden ihn zu den anderen Toten auf den Karren. Alle zusammen warfen sie in die Pestgrube, die sich hinter der Kirche zu St. Ulrich befand.  
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1697 brach in Wien wieder einmal die Pest aus. Tausende verließen die Stadt, Abertausende starben. Der berühmte Kanzelredner, Pater Abraham a Sancta Clara, redete den Wienern ins Gewissen, die Pest als Strafe Gottes hinzunehmen. Niemand ging mehr ins Wirtshaus, und so war der liebe Augustin plötzlich von seinen Freunden verlassen und saß mit dem Wirt allein im "Roten Dachl". Er war verzweifelt und trank Bier und Branntwein. Letztendlich war er sehr betrunken und sang mit schwerer Zunge noch einmal sein neuestes Lied:
  
Als Augustin wieder zu sich kam, bemerkte er anfangs nicht, wo er war. Doch dann rief er um Hilfe. Niemand getraute sich nahe an die Pestgrube. Schließlich nahm Augustin seinen Dudelsack und begann zu spielen. Als die Leute das hörten, brachten sie rasch eine Leiter und Augustin konnte diesen unbequemen Platz verlassen.  
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Oh, du lieber Augustin,
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s‘ Geld is hin, die Freud is hin,
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oh, du lieber Augustin,
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alles is‘ hin!
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Dann machte er sich schwankend auf den Weg, um durch das Stubentor zu seiner Wohnung auf der Landstraße zu kommen.
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Da die Friedhöfe längst zu klein geworden waren, hob man vor der Stadtmauer sogenannte "Pestgruben" aus, in welche die Toten von den "Pestknechten" hineingeworfen wurden.
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Augustin, voll betrunken, fand den Weg zur Landstraße nicht und fiel in eine offene Pestgrube. So lag er auf den vielen Toten, schloss die Augen und schlief seinen Rausch aus.
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Die Morgensonne weckte ihn, und als er seine missliche Lage erkannte, schrie er aus Leibeskräften um Hilfe, bis ihn die Pestknechte befreiten.
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Obwohl er die ganze Nacht mit den Pesttoten verbracht hatte, erkrankte er nicht. Er spielte noch viele Jahre in den Gasthäusern, wobei er sein Erlebnis mit der Pest immer wieder besang.
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Seither ist der liebe Augustin ein Symbol dafür, dass der Wiener alles überstehen kann. So oft es in Wien Krieg, Not, Hunger und Elend gab, wurde der liebe Augustin als Beweis dargestellt, dass es nach dem "Alles is‘ hin" eine Auferstehung aus der Pestgrube gibt.
  
Bald war Augustin wieder lustig und fidelte wie zuvor. Er bekam die Pest nicht und soll erst 1705 in hohem Alter gestorben sein.
 
 
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Version vom 2. September 2009, 09:29 Uhr


Vor rund dreihundert Jahren gab es in Wien einen Musikanten und Sänger, der Max Augustin hieß. Von seinen vielen Freunden wurde er der "liebe Augustin" genannt. Er wohnte in der Landstraße, war jedoch in ganz Wien bekannt. Mit seinem Dudelsack spielte er in vielen Gasthäusern, sang Lieder, die er selbst verfasste, wobei er das Leben und Treiben in Wien besang.

In der Zeit, in der viele Menschen weder lesen noch schreiben konnten, galt er als Nachrichtenübermittler.

Vorwiegend trat er im "Roten Hahn" auf der Landstraßer Hauptstraße auf, den es heute noch gibt. Oft sang er auch im "Gelben Adler" und im Gasthaus "Zum roten Dachl". An Stelle dieser Gasthäuser befindet sich heute das "Griechenbeisl" am Fleischmarkt.

1697 brach in Wien wieder einmal die Pest aus. Tausende verließen die Stadt, Abertausende starben. Der berühmte Kanzelredner, Pater Abraham a Sancta Clara, redete den Wienern ins Gewissen, die Pest als Strafe Gottes hinzunehmen. Niemand ging mehr ins Wirtshaus, und so war der liebe Augustin plötzlich von seinen Freunden verlassen und saß mit dem Wirt allein im "Roten Dachl". Er war verzweifelt und trank Bier und Branntwein. Letztendlich war er sehr betrunken und sang mit schwerer Zunge noch einmal sein neuestes Lied:

Oh, du lieber Augustin, s‘ Geld is hin, die Freud is hin, oh, du lieber Augustin, alles is‘ hin!

Dann machte er sich schwankend auf den Weg, um durch das Stubentor zu seiner Wohnung auf der Landstraße zu kommen.

Da die Friedhöfe längst zu klein geworden waren, hob man vor der Stadtmauer sogenannte "Pestgruben" aus, in welche die Toten von den "Pestknechten" hineingeworfen wurden. Augustin, voll betrunken, fand den Weg zur Landstraße nicht und fiel in eine offene Pestgrube. So lag er auf den vielen Toten, schloss die Augen und schlief seinen Rausch aus.

Die Morgensonne weckte ihn, und als er seine missliche Lage erkannte, schrie er aus Leibeskräften um Hilfe, bis ihn die Pestknechte befreiten.

Obwohl er die ganze Nacht mit den Pesttoten verbracht hatte, erkrankte er nicht. Er spielte noch viele Jahre in den Gasthäusern, wobei er sein Erlebnis mit der Pest immer wieder besang.

Seither ist der liebe Augustin ein Symbol dafür, dass der Wiener alles überstehen kann. So oft es in Wien Krieg, Not, Hunger und Elend gab, wurde der liebe Augustin als Beweis dargestellt, dass es nach dem "Alles is‘ hin" eine Auferstehung aus der Pestgrube gibt.