Der wilde Mann von Währing

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An dem Haus Nr. 85 in der Währinger Straße steht über dem Toreingang eine merkwürdige Steinfigur: ein nur mit Fell bekleideter Mann hält in der Hand eine Keule und stützt sich darauf. Im Volksmund heißt die Gestalt "Der wilde Mann". Das alte Hauszeichen erinnert an die Geschichte des Landsknechtes, der in den Türkenkriegen des 16. Jahrhunderts manches Abenteuer bestand.


Als die Osmanen das große Christenheer in der Schlacht bei Varna aufs Haupt schlugen, gelang es nur wenigen Kriegern zu entrinnen, unter ihnen auch dem Landsknecht Jörg Thalheimer. Jörg Thalheimer war ein baumlanger Mann, der es nur seinen schnellen Beinen verdankte, dass er dem furchtbaren Blutbad entkam. Er flüchtete in einen dichten Wald, wo er im Moos sein Lager aufschlug und sich dort versteckt hielt.


Solange sein Mundvorrat reichte, war er guter Dinge. Doch als er nichts mehr zu essen hatte, packte ihn die Verzweiflung. Er war ja so weit von zu Hause weg, ohne Brot und Obdach, tief drin im Feindesland. Da rief er in seiner Not den Teufel an.


Der Teufel war auch gleich zur Stelle, hörte sich Jörgs Kummer an und erbot sich, ihm zu helfen - auf die Art, wie eben der Teufel zu helfen pflegt. Um sein Leben zu retten, blieb dem Landsknecht nichts anderes übrig, als den schlimmen Handel einzugehen. Er verschrieb dem Bösen seine Seele und erhielt dafür von ihm einen Geldbeutel, der die angenehme Eigenschaft hatte, niemals leer zu werden. Doch musste Jörg versprechen, in einem zottigen Bärenfell umherzugehen und sich drei Jahre lang weder zu waschen noch zu kämmen.


Der Landsknecht, der im Kriegsleben auf Reinlichkeit nicht sonderlich geachtet hatte, dachte das wohl aushalten zu können. Er legte seine Rüstung ab, bekleidete sich mit einem Bärenfell, nahm eine tüchtige Keule als Waffe zur Hand und wanderte unangefochten durch die Länder bis in die Nähe Wiens, wo er im Dorf Währing im leerstehenden Stall eines Bauernhauses Unterschlupf fand. Weil er das Wasser mied wie der Teufel die Kirche, waren sein Gesicht und seine Hände bald mit dicken Schmutzkrusten bedeckt. Kam er mitunter ins Dorf, um Lebensmittel einzukaufen, erschrak groß und klein vor dem "Bärenhäuter". Die kecken Lausbuben aber, die es damals genau so gab wie heute, verspotteten ihn und riefen:


"Der wilde Mann kommt! Der wilde Mann kommt!" Die meisten Menschen wichen ihm scheu aus, denn gar zu rau und finster war seine Gestalt, gar zu erschreckend; aber er tat niemandem etwas zu Leide.


Als drei Jahre verflossen waren und Jörg sein Wort noch immer nicht gebrochen hatte, verlor der Teufel die Geduld. Weil er aber keine Zeit hatte, sich mit ihm zu befassen, gab er die Seele des Bärenhäuters fluchend frei. Er musste ihm auch das glücksbringende Säckchen überlassen, und der schlaue Landsknecht lachte sich ins Fäustchen.


Endlich durfte er sein Fell ablegen, sich wieder waschen und sauber kleiden. Und da er genug Geld hatte, kaufte er sich ein schönes Haus an jener Stelle, an der heute noch sein Standbild steht (Währinger Straße 85). Er hielt sich Pferd und Wagen, wählte eine schmucke Braut und führte sie als Gemahlin heim.

Figur über dem Eingang des Hauses "Zum Wilden Mann" (heute: Restaurant & Kaffeehaus) - Christian Michlits www.wien.gv.at, CC BY-NC-ND 4.0


Die Schlacht bei Varna (= Warna, Bulgarien) 1444 zwischen Osmanen und Kreuzfahrern - Digitalisiert von Cristian Chirita commons.wikimedia.org, CC0 1.0


Das Fell eines Bären - Harald Süpfle commons.wikimedia.org, CC BY-SA 3.0


Das glücksbringende Geldsäckchen - Wolfgang Sauber commons.wikimedia.org, CC BY-SA 3.0


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